Im Herbst vergangenen Jahres erhielt ich von unserem wichtigen Zulieferer VCF Cigars Germany eine Einladung zu einer Händlerreise nach Nicaragua. Da VCF unter anderem die Marken Oliva, AJ Fernandez und Plasencia importiert, lag es nahe, nicht nur die fertigen Zigarren zu kennen, sondern auch deren Ursprung zu erleben – direkt auf den Feldern und in den Produktionsstätten vor Ort.
Was folgte, war eine im besten Sinne anstrengende und gleichzeitig beeindruckende Reise in das Land der Vulkane, die ich so schnell nicht vergessen werde.
Die Anreise nach Nicaragua gestaltet sich etwas aufwendiger, da es von Europa aus keine Direktflüge gibt. Unsere Route führte über Houston nach Managua, der Hauptstadt des Landes. Vom Verlassen der Haustür morgens bis zur Ankunft im Hotel Los Arcos in Estelí am Abend vergingen fast dreiundvierzig Stunden.
Estelí ist das Zentrum der Zigarrenproduktion Nicaraguas. Hier konzentriert sich nahezu die gesamte industrielle Fertigung, ebenso wie ein Großteil des Tabakanbaus. Weitere bedeutende Anbaugebiete sind Condega, etwa eine Stunde nördlich gelegen, sowie Jalapa, rund drei Stunden entfernt. In kleinerem Umfang wird Tabak auch auf der Insel Ometepe im Nicaraguasee angebaut.
Unsere Reisegruppe bestand aus Thorsten Wolfertz (Verkaufsleiter) und Björn Bertram (Außendienst Nord) von VCF sowie acht Händlern aus ganz Deutschland.
Am ersten Morgen besuchten wir die 2020 errichtete Tabacalera TABOLISA II von Oliva Cigars. Zuvor erhielten wir einen Einblick in den firmeneigenen Kindergarten, in dem Kinder der Mitarbeiter betreut und täglich versorgt werden – vollständig finanziert durch Oliva.
In der Fabrik selbst konnten wir nachvollziehen, wie der Tabak nach der Reifelagerung zunächst zur Sortierstation gelangt. Die eigentliche Fermentation erfolgt in einer separaten Anlage nördlich von Estelí. Vor Ort werden anschließend die Mittelvenen entfernt und die Blätter nach Größe und Qualität sortiert.
Danach gelangen sie in den Blendraum, wo die Masterblender die Mischungen zusammenstellen, die am Folgetag zu Zigarren verarbeitet werden. In der Galera arbeiten Rollerpaaren an rund 300 Tischen. Während ein Teil des Teams Einlage und Umblatt vorbereitet, bringt der zweite Teil nach der Pressung das Deckblatt auf.
Selbst das Rollen auszuprobieren zeigte schnell, wie viel Geschick nötig ist. Die Profis benötigen rund zwei Minuten pro Zigarre – die Presszeit von etwa 60 Minuten nicht eingerechnet. Ein Rollerpaar fertigt so etwa 400 Zigarren pro Schicht.
Nach dem Mittagessen besuchten wir die Anlage zur Tabakverarbeitung nördlich von Estelí. Hier erfolgt zunächst die Klassifikation der Blätter. Anschließend beginnt die Fermentation, bei der jeweils 50 Blätter zu sogenannten „Händen“ gebündelt und zu Pilones aufgestapelt werden.
Erst dieser Prozess macht Tabak überhaupt rauchbar. Ammoniak und Nikotin werden reduziert, während Zuckerstrukturen entstehen. Je nach Blattstufe kann dieser Vorgang bis zu zwei Jahre dauern.
Nach Abschluss der Fermentation wird der Tabak gepresst und in Reifelagern gelagert. Oliva lagert teilweise bis zu sechs Jahre – ähnlich wie bei einem guten Wein, der erst mit Zeit sein volles Potenzial entfaltet.
Am zweiten und dritten Tag besuchten wir AJ Fernandez. Bevor wir die Fabrik betraten, führte uns unser Guide auf die Tabakfelder, die sich bis zum Horizont erstrecken.
Der Tag begann im Gewächshaus, wo aus winzigen Samen Setzlinge heranwachsen. Über einen Zeitraum von 60 Tagen werden sie gepflegt und beschnitten, um stärkere Wurzeln zu entwickeln. Nach dem Aussetzen ins Feld erfolgt die gestaffelte Ernte über mehrere Wochen.
Die Blätter werden anschließend in Trockenschuppen aufgehängt, wo sie langsam trocknen. In der Region herrscht eine klare Trennung zwischen Regen- und Trockenzeit – Tabakanbau ist nur in der trockenen Phase möglich.
Besonders interessant sind die sogenannten Tabaco Tapado Felder. Hier wachsen Deckblattpflanzen unter Gazezelten, die Sonne und Wind reduzieren. Ziel ist es, große, dünne und elastische Blätter mit optimalem Geschmack zu erzeugen.
Die Fabrik in Estelí produziert enorme Mengen an Zigarren. Rund 42 Millionen Stück wurden 2025 hergestellt – etwa 60 Prozent für andere Marken und 40 Prozent für eigene Linien.
Trotz der Vielzahl an Produkten funktioniert die Organisation reibungslos. In der Galera werden gleichzeitig zahlreiche Zigarrenformate produziert, die nach der Rollung mehrere Monate lagern.
Da die Nachfrage weiter steigt, wurde 2023 eine zweite Fabrik in Ocotal eröffnet, in der sämtliche Produktionsschritte ebenfalls stattfinden.
Ein weiterer Höhepunkt war der Besuch bei der Familie Plasencia, die in diesem Jahr ihre 160. Tabakernte feiert.
Nach Enteignung in Kuba und später in Nicaragua baute die Familie ihren Betrieb in Honduras neu auf und kehrte später zurück. Heute betreibt sie Anbau und Produktion in beiden Ländern.
Was besonders auffällt, ist die Kombination aus Tradition und Innovation. Plasencia setzt auf Tröpfchenbewässerung, wodurch der Wasserverbrauch halbiert wurde. Zudem arbeitet man vollständig biologisch.
Ein selbst entwickelter Naturdünger aus organischen Reststoffen verbessert die Bodenqualität erheblich. Die Biodiversität im Boden stieg deutlich, während der Tabak weniger Nikotin und mehr Zucker produziert – ein klarer Qualitätsgewinn.
Ein besonderes Erlebnis war das sogenannte Churrito-Tasting, bei dem neun Kleinzigarren aus jeweils nur einer Tabaksorte verkostet wurden. Trotz gleicher Herkunft schmeckten sie alle unterschiedlich – ein eindrucksvoller Beweis für die Bedeutung des Blendings.
Zum Abschluss führte uns die Reise nach Granada. Dort erlebten wir eine Bootstour auf dem Nicaraguasee, dem größten See Mittelamerikas.
Die rund 300 Inseln entstanden durch einen Vulkanausbruch des Mombacho. Heute bilden sie ein einzigartiges Naturreservat mit vielfältiger Tier- und Pflanzenwelt.
Die Reise zeigte eindrucksvoll, dass Zigarren weit mehr sind als ein Endprodukt. Sie entstehen aus landwirtschaftlicher Präzision, handwerklichem Können, wissenschaftlichen Prozessen und jahrzehntelanger Erfahrung.
Nicaragua vereint all diese Faktoren – und macht jede Zigarre zu einem Stück gelebter Tradition.